Versicherungsmathematik & Statistik

Ein umfassendes Grundlagen- und Themenbuch zu den mathematischen und statistischen Methoden der Versicherungswirtschaft und Rückversicherung

1. Grundbegriffe der Versicherungsmathematik

Die Versicherungsmathematik (Aktuarwissenschaft) befasst sich mit der mathematischen Modellierung und Quantifizierung von Risiken in der Versicherungswirtschaft. Sie bildet die Grundlage für die Kalkulation von Prämien, Reserven und Solvenzanforderungen.

1.1 Zentrale Konzepte

Versicherungsrisiko
Die Unsicherheit über Zeitpunkt und Höhe künftiger versicherter Schäden bzw. Leistungen. Das Risiko setzt sich zusammen aus:
  • Schadenhäufigkeit: Anzahl der Schäden in einem Zeitraum
  • Schadenhöhe: Höhe des einzelnen Schadens
  • Gesamtschaden: Summe aller Schäden einer Periode
Erwartungswert des Gesamtschadens
Der Erwartungswert E[S] des Gesamtschadens S wird berechnet als:
E[S] = E[N] × E[X]
wobei N = Anzahl der Schäden und X = Schadenhöhe

1.2 Das Äquivalenzprinzip

Das fundamentale Prinzip der Versicherungsmathematik besagt, dass der Barwert der Prämien dem Barwert der erwarteten Leistungen entsprechen muss:

Äquivalenzprinzip: Barwert(Prämien) = Barwert(Leistungen)

2. Wahrscheinlichkeitstheorie in der Versicherung

2.1 Grundlegende Verteilungen

Poissonverteilung (Schadenhäufigkeit)
Modellierung der Anzahl von Schäden in einem Zeitraum:
P(N = k) = (λ^k / k!) × e^(-λ)
λ = erwartete Anzahl Schäden
E[N] = Var[N] = λ
Exponentialverteilung (Schadenhöhe)
Modellierung der Schadenhöhe bei kleinen bis mittleren Schäden:
f(x) = λ × e^(-λx) für x ≥ 0
E[X] = 1/λ
Var[X] = 1/λ²
Lognormalverteilung (große Schäden)
Häufig verwendet für Schadenverteilungen mit rechtsschiefer Verteilung:
f(x) = (1/(x×σ×√(2π))) × exp(-(ln(x)-μ)²/(2σ²))

2.2 Sicherheitszuschläge

Zur Berücksichtigung von Schwankungen werden Sicherheitszuschläge kalkuliert:

Standardabweichungsprinzip
Prämie = E[S] + α × √Var[S]
α = Sicherheitsparameter (typisch 1,5 - 3)
Value-at-Risk (VaR) Prinzip
Prämie = VaR_α(S) = F_S^(-1)(α)
α = Konfidenzniveau (z.B. 99,5%)

3. Sterbetafeln und Lebenserwartung

3.1 Grundlegende Notation

Sterbetafeln sind das zentrale Instrument der Lebensversicherungsmathematik zur Modellierung der Sterblichkeit:

Symbol Bedeutung Berechnung
l_x Anzahl Lebender im Alter x aus Sterbetafel
d_x Sterbefälle zwischen x und x+1 d_x = l_x - l_(x+1)
q_x Sterbewahrscheinlichkeit im Alter x q_x = d_x / l_x
p_x Überlebenswahrscheinlichkeit im Alter x p_x = 1 - q_x

3.2 Mehrjährige Wahrscheinlichkeiten

n-jährige Überlebenswahrscheinlichkeit:
_np_x = p_x × p_(x+1) × ... × p_(x+n-1) = l_(x+n) / l_x

3.3 Trend der Sterblichkeit

Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich. Dies wird durch Longevity Risk (Langlebigkeitsrisiko) beschrieben und muss bei der Kalkulation berücksichtigt werden.

Sterblichkeitstrend
Modellierung mit Verbesserungsfaktoren:
q_x(t) = q_x(0) × (1 - r)^t
r = jährliche Verbesserungsrate (z.B. 2%)

4. Lebensversicherungsmathematik

4.1 Arten von Lebensversicherungen

Produkttyp Leistungsfall Typische Dauer
Risikolebensversicherung Tod während Vertragslaufzeit 10-40 Jahre
Kapitallebensversicherung Tod oder Vertragsende 15-40 Jahre
Rentenversicherung Erreichen des Rentenalters bis Lebensende

4.2 Barwertberechnung

Der versicherungsmathematische Barwert ist der abgezinste erwartete Wert zukünftiger Zahlungen:

Risikolebensversicherung
A_x:n = Σ(t=0 bis n-1) v^(t+1) × _t|q_x × S
v = 1/(1+i) = Diskontierungsfaktor
i = Rechnungszins

4.3 Deckungsrückstellung

Die Deckungsrückstellung zum Zeitpunkt t wächst im Zeitverlauf und wird bei Vertragsablauf zur Auszahlung verwendet.

5. Rentenversicherungsmathematik

5.1 Rentenarten

Rentenart Beginn Ende
Sofortrente Sofort nach Vertragsabschluss Tod der versicherten Person
Aufgeschobene Rente Nach Aufschubzeit Tod der versicherten Person
Zeitrente Vertraglich festgelegt Nach festgelegter Zeit

5.2 Rentenfaktor

Der Rentenfaktor gibt an, wie viel monatliche Rente pro 10.000 € Kapital gezahlt wird:

Rentenfaktor = 10.000 / (12 × ä_x)
Monatliche Rente = (Deckungskapital × Rentenfaktor) / 10.000

5.3 Überschussbeteiligung

Versicherungsnehmer partizipieren an den Überschüssen durch:

6. Schadenversicherungsmathematik

6.1 Produktarten

Sparte Typische Merkmale Schadenmodell
Kfz-Versicherung Hohe Frequenz, mittlere Höhe Compound Poisson
Haftpflicht Niedrige Frequenz, hohe Varianz Heavy-tailed distributions
Gebäudeversicherung Sehr niedrige Frequenz, sehr hohe Schäden Extremwertverteilungen

6.2 Schadenquoten und Kennzahlen

Schadenquote (Loss Ratio)
Schadenquote = (Gezahlte Schäden + Δ Rückstellung) / Verdiente Prämien
Zielwert: typisch 60-75%
Combined Ratio
Combined Ratio = Schadenquote + Kostenquote
< 100%: Versicherungstechnischer Gewinn
> 100%: Versicherungstechnischer Verlust

6.3 Schadenreservierung

Zentrale Herausforderung: Schäden werden oft erst Jahre nach Schadenereignis vollständig abgewickelt.

Chain-Ladder-Methode
Standardmethode zur Schadenreservierung:
Entwicklungsfaktor f_k = Σ C_(i,k+1) / Σ C_(i,k)
Ultimativer Schaden = C_(i,k) × f_k × f_(k+1) × ... × f_n

7. Prämienkalkulation und Beitragssätze

7.1 Komponenten der Bruttoprämie

Bruttoprämie = Nettoprämie + Zuschläge
= Risikoprämie + Sicherheitszuschlag + Kostenzuschlag + Gewinnzuschlag

7.2 Detaillierte Prämienkalkulation

Risikoprämie (Nettoprämie)
Nettoprämie = E[Schaden] = λ × E[X]
λ = erwartete Schadenhäufigkeit
E[X] = erwartete Schadenhöhe
Sicherheitszuschlag
α-Zuschlag = α × σ(Schaden) = α × √Var[S]
typische Werte: α = 1,5 bis 3,0
oder prozentual: α-Zuschlag = p% × Nettoprämie (z.B. 10%)

7.3 Vollständige Formel

Bruttoprämie:
BP = (NP × (1 + α%) + Fix) / (1 - β - γ - δ)

BP = Bruttoprämie
NP = Nettoprämie
α% = prozentualer Sicherheitszuschlag
Fix = Stückkosten
β = Abschlusskostensatz
γ = Verwaltungskostensatz
δ = Gewinnsatz

8. Reservierung und Rückstellungen

8.1 Arten von Rückstellungen

Rückstellung Zweck Berechnung
Deckungsrückstellung Für zukünftige Versicherungsleistungen Prospektive Methode
Schadenrückstellung Für bekannte, noch nicht abgewickelte Schäden Einzelschadenrückstellung
IBNR-Reserve Für eingetretene, noch nicht gemeldete Schäden Chain-Ladder
Prämieverdienstung Für zukünftige Versicherungsleistungen Zeitlich anteilig

8.2 Prospektive Reservierungsmethode

V_t = (Barwert zukünftige Leistungen) - (Barwert zukünftige Prämien)
Die Rückstellung wächst im Zeitverlauf mit dem Rechnungszins

8.3 Retrospektive Reservierungsmethode

Die Deckungsrückstellung kann auch retrospektiv ermittelt werden als Barwert der bisher eingezahlten Nettoprämien abzüglich bereits erbrachter Leistungen.

9. Rückversicherung und Risikotransfer

9.1 Rückversicherungsarten

Typ Merkmale Anwendung
Proportionale RV Anteilige Aufteilung aller Schäden Kapazitätserweiterung
Nicht-proportionale RV Übernahme ab bestimmter Schadenhöhe Großschadenversicherung
XL (Excess of Loss) Deckung Schäden über Priorität Haftpflicht, Property
Aggregate XL Deckung Gesamtschadenlast über Limit Portfolioschutz

9.2 Rückversicherungsprämie

Rückversicherungsprämie = Erwartete Leistung × (1 + Zuschlag)
Zuschlag deckt Verwaltung und Gewinn des RV-Gebers

9.3 Kalkulation von XL-Prämien

Für Excess of Loss Rückversicherung mit Priorität (Priority/Deductible) P und Deckungslimit L:

Erwartete Entschädigung = E[max(0, Schaden - P)] - E[max(0, Schaden - (P+L))]

10. Risikometriken und Kapitalanforderungen

10.1 Value at Risk (VaR)

VaR_α = das α-Quantil der Verlustverteilung
z.B. VaR_99% = Wert, dessen Überschreitung mit 1% Wahrscheinlichkeit auftritt

10.2 Expected Shortfall (CVaR)

Das Expected Shortfall misst die durchschnittliche Verlustgröße, wenn der VaR überschritten wird:

ES_α = E[Schaden | Schaden > VaR_α]

10.3 Standard Deviation Risk Measure

RM = E[Schaden] + α × σ[Schaden]
Dies kombiniert erwartete Schäden mit deren Volatilität

10.4 Solvenzkapitalanforderung (SCR)

Das für ein bestimmtes Konfidenzniveau (z.B. 99,5%) erforderliche Kapital zur Risikodeckung über ein Jahr.

11. Solvenz II - Regulatorischer Rahmen

11.1 Solvenz II Säulen

Säule Inhalt Fokus
Säule 1 Quantitative Anforderungen (SCR, MCR) Kapitalanforderungen
Säule 2 Qualitative Anforderungen und Governance Risikomangement, interne Kontrolle
Säule 3 Transparenz und Berichterstattung Offenlegung, Aufsichtsberichte

11.2 Standardformel (Solvenz II)

Die Standardformel berechnet SCR als Funktion verschiedener Risikomodule:

SCR = BSCR + Adj + OP

BSCR = Basic Solvency Capital Requirement
Adj = Anpassung für Steuern und rückversicherbare Risiken
OP = Operational Risk

11.3 Deckungsquote und Schwellenwerte

Solvency Ratio
Solvency Ratio = Eligible Own Funds / SCR
> 100%: Erfüllung des SCR
> 50%: Erfüllung des MCR

12. Prognosemodelle und Szenarien

12.1 Stochastische Modelle

Stochastische Modelle ermöglichen die Simulation von Tausenden von Szenarien zur Bestimmung von Verteilungen:

Monte Carlo Simulation für Schätzung von Risikomaßen
Generierung von Zufallsszenarien basierend auf kalibrierter Verteilungsannahmen

12.2 Trend-Extrapolation

Methode Beschreibung Anwendung
Lineare Regression Y = a + b×t Gleichmäßige Trends
Exponentielles Wachstum Y = a × e^(b×t) Beschleunigte Trends
Logistische Kurve Sättigung nach oben Marktentwicklung

12.3 Validierung und Backtesting

Modelle müssen regelmäßig validiert werden durch:

Beispiel: Backtesting eines VaR-Modells
Wenn das Modell VaR_99% korrekt schätzt, sollte der tatsächliche Verlust diesen Wert an etwa 1% der Tage überschreiten.
Regelmäßige Verletzungen deuten auf Modellprobleme hin.